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Auszug unserer Tochter

Auszug unserer Tochter

In nächster Zeit möchten wir Ihnen hier Artikel aus unserem aktuellen Kontakte-Magazin vorstellen. Das vollständige Magazin finden Sie hier, auf Wunsch schicken wir Ihnen auch gerne ein Exemplar zu.

Im November 2017 ist unsere Tochter Hannah kurz nach ihrem 23. Geburtstag ausgezogen. Sie lebt jetzt in einer betreuten Wohngemeinschaft der Lebenshilfe Köln im Waldbadviertel in Köln-Ostheim. Die Wohnung teilt sie mit drei anderen jungen Menschen, die wie sie einen hohen Unterstützungsbedarf haben.

Das Thema Wohnmöglichkeiten für Hannah beschäftigt uns Eltern schon seit einigen Jahren. Uns war klar, dass wir die Initiative ergreifen müssten, wenn Hannah ausziehen sollte. Anders als ihre jüngere Schwester würde sie sonst wohl für immer bei uns wohnen bleiben. Allerdings wollten wir sie auch nicht einfach „aus dem Nest schubsen“, sondern sie so gut wie möglich in die Planungen mit einbeziehen. Als wir das Gefühl hatten, dass Hannah sich gut in ihrer Werkstatt eingelebt hat, haben wir mit der Suche nach einem geeigneten Wohnprojekt begonnen.

Hannah hat einen hohen Unterstützungsbedarf. Da sie kaum spricht, ist es für sie schwierig, mit Menschen Kontakt aufzunehmen. Sie kann nicht alleine öffentliche Verkehrsmittel benutzen, hat nur ein geringes Verständnis von Geld, kann sich ohne Hilfe keine warme Mahlzeit zubereiten, benötigt Unterstützung bei der Körperpflege. Trotzdem ist ihr größtmögliche Selbständigkeit sehr wichtig. Sie erledigt Dinge gerne für sich selbst, kann sich gut räumlich orientieren und hat viel Freude an allen Alltagsverrichtungen, vom Müll rausbringen übers Einkaufen bis zum Wäsche waschen. Wir waren skeptisch, ob wir eine Wohnmöglichkeit für sie finden würden, die ihr die nötige Unterstützung aber auch den gewünschten Handlungsfreiraum bieten könnte.


BeWo im Elternhaus


Anfang 2016 hörten wir zum ersten Mal von dem Wohnprojekt im „Waldbadviertel“ in Köln-Ostheim: Betreutes Wohnen in einer kleinen WG mit der Unterstützung (inklusive Nachtwache), die unsere Tochter benötigt. Wir haben Hannah gleich auf die Interessentenliste setzen lassen. Für Hannah selbst war zu dem Zeitpunkt die Idee, das Elternhaus zu verlassen, sehr beängstigend. Wenn wir auf das Thema zu sprechen kamen, reagierte sie abwehrend, fing an zu weinen oder wurde aggressiv. Also haben wir es erst einmal langsam angehen lassen und nur selten über den Auszug gesprochen.

Die intensiven Vorbereitungen begannen dann Anfang 2017 zunächst mit der Erstellung eines Hilfeplans für den LVR. Im Hilfeplan wird festgehalten, wo und wie viel Unterstützung jemand benötigt, was er gerne tut, was er gut kann etc. Wir haben den Hilfeplan in Zusammenarbeit mit der KoKoBe Mülheim erstellt. Hannah war mit dabei. Mit Hilfe von Piktogrammen konnte sie selbst über sich Auskunft geben. Das hat ihr das Thema Auszug ein Stück näher gebracht. Im Hilfeplan haben wir neben der Unterstützung in der WG nach dem Auszug sogenanntes „BeWo im Elternhaus“ beantragt. Einmal pro Woche sollte zur Vorbereitung auf den Auszug für ca. zwei Stunden eine BeWo Mitarbeiterin zu uns kommen, um mit Hannah zu arbeiten.

Auszug unserer Tochter

Das „BeWo im Elternhaus“ war rückblickend für Hannah die beste Vorbereitung, die wir uns nur wünschen konnten. Die Chemie zwischen ihr und der BeWo-Mitarbeiterin stimmte sofort. Gemeinsam haben die beiden im Lauf der Wochen gekocht, eingekauft, Ostheim erkundet und vieles mehr. Sie haben aus Prospekten Möbel ausgeschnitten, die Hannah sich für ihr Zimmer gewünscht hat und gemeinsam bei Ikea für das neue Zimmer eingekauft. Während Hannah mit uns nicht bereit oder in der Lage war, ihre Wünsche für die Gestaltung ihres Zimmers zu äußern, funktionierte das mit der BeWo Mitarbeiterin sehr gut.

Auf Hannahs iPad habe ich für sie Fotoalben über den Umzug, das neue Haus, ihr Zimmer, die bestellten Möbel erstellt. Die hat sie sich immer wieder angeschaut und bereitwillig Familie und Freunden gezeigt. Auch ein Vortreffen mit den anderen WG Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren Eltern war ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitungen. Und je näher der Auszugstermin rückte, desto mehr Vorfreude zeigte Hannah!


Neue Selbstständigkeit


Der Auszug selbst war ein sehr emotionaler Moment. Beim Möbelaufbau und Einrichten ihres Zimmers hat Hannah ausdauernd geholfen und war am Ende richtig stolz auf ihr neues Zuhause. Aber der Abschied war dann doch schwer für uns alle.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Hannah danach erst einmal eine Woche „in Ruhe zu lassen“. Dann habe ich sie aber doch bereits am nächsten Tag zum ersten Mal besucht. Wenn ich an Regeln denke, die Eltern früher beachten mussten (die ersten ein bis zwei Monate möglichst gar keinen Kontakt), bin ich sehr froh, dass sich die Zeiten geändert haben. Jeder darf sich auf sein Gefühl verlassen und das ist gut so.

Hannah ist mittlerweile zufrieden mit ihrem Leben in der WG und stolz auf ihre neue Selbständigkeit. Wenn ich zu Besuch in der WG bin, serviert sie mir ganz selbstverständlich ein Glas Wasser oder kocht mir einen Tee. Sie findet es toll, im Supermarkt die Einkäufe zu bezahlen und ihre Wäsche selbst zu waschen. Bei diesen Erledigungen bekommt sie die Unterstützung, die sie benötigt. Morgens geht sie jetzt alleine aus der Wohnung, um auf den Werkstattbus zu warten. Kürzlich war sie zum ersten Mal ganz alleine beim Frisör „um die Ecke“. Bei Gruppenabenden plant sie zusammen mit ihren Mitbewohnern, was es zu essen gibt, was eingekauft werden muss und was für Unternehmungen gemacht werden. So viele Freiheiten und Mitbestimmungsmöglichkeiten hatte sie zu Hause nicht. Häufig habe ich in der Hektik des Alltags schnell etwas für sie erledigt, was sie gut selbst hätte machen können.

Auch wir Eltern kommen mit der Veränderung besser zurecht als erwartet. Natürlich sind unsere Gedanken oft bei Hannah. Wir genießen aber auch unsere neuen Freiheiten. Einfach mal spontan abends oder am Wochenende zusammen weggehen zu können, ist für uns etwas Besonderes!

Wir sehen Hannah mindestens einmal in der Woche. Jedes zweite Wochenende übernachtet sie bei uns. In letzter Zeit gab es aber schon Wochenenden, an denen sie kurzfristig entschieden hat, lieber in der WG zu bleiben. Für uns Eltern bedeutet das Freude und Schmerz zugleich: Nach kurzer Zeit ist die Wohngemeinschaft Hannahs neuer Lebensmittelpunkt geworden.

Text von Annette Lantiat. Erschienen im Kontakte Magazin 2018

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