Job-Portrait:
Bildungsfachkräfte an der TH Köln
Kurz und einfach
An der Technischen Hoch·schule (TH) Köln gibt es an der „Fakultät für angewandte Sozial·wissenschaften“ Bildungs-Fachkräfte.
Eine Fakultät ist eine Abteilung von einer Hoch·schule.
Die Bildungs·fachkräfte arbeiten als Lehr·kräfte. Sie teilen ihre Sicht·weisen und Erfahrungen als Menschen mit Lern·schwierigkeiten in Seminaren und Lehr·veranstaltungen.
Ihre Themen sind unter anderem Barriere·freiheit, Inklusion und Teilhabe.
Die Bildungs·fachkräfte wurden vom Institut für Inklusive Bildung NRW qualifiziert. Das heißt: Sie haben drei Jahre lang viel gelernt und eine Abschluss·prüfung gemacht. Seit Oktober 2022 sind sie an der Technischen Hoch·schule fest angestellt.
Am 25.3.2024 haben Dinah Köppen und Dietrich Mensah, politische Selbstvertreter:innen, 5 der insgesamt 7 Bildungs·fachkräfte interviewt.

v.l. Florian Lintz und Amandj Hosseyni, Prof. Dr. Andrea Platte, Luca Prachthäuser, Andreas Martin und Jil Marie Zilske (alle drei Bildungsfachkräfte), Prof. Dr. Dagmar Brosey, die Bildungsfachkräfte Jennifer Cöllen und Fabian Hesterberg, Prof. Dr. Stefan Herzig (Präsident der TH Köln) sowie die pädagogischen Begleitpersonen der Bildungsfachkräfte Kosima Kosak, Judith Neidhardt und Lily König
Was haben Sie vor Ihrer Tätigkeit als Bildungsfachkräfte gemacht? Warum haben Sie sich beworben?
Luca Prachthäuser: Ich wollte einfach aus der Werkstatt, weil ich da nur alle zwei Stunden Post ausfahren konnte. Die Arbeit gefiel mir nicht gut und ich wollte schon immer mehr mit meinem Talker arbeiten. Jetzt kann ich das auch als Bildungsfachkraft machen. Das macht mich richtig glücklich.
Jenny Cöllen: Ich war in der Werkstatt auch sehr unterfordert. Manchmal gab es nicht genug Arbeit, so dass wir unsdie Zeit vertreiben mussten, zum Beispiel mit Spielen, Arbeitsblättern oder Basteln. Das fand ich eine Zeitlang auch gut, aber dann doch ziemlich eintönig. Dann kam diese Ausschreibung zur Bildungsfachkraft und ich habe mir gedacht: Cool, dass man anderen etwas beibringen kann und selber etwas lernt. In der Werkstatt gab es nur eine Stunde in der Woche Schule, das war mir zu wenig. Also habe ich mich beworben und bin Bildungsfachkraft geworden.
Amandj Hosseyni: Ich habe vorher auch in der Werkstatt gearbeitet und war in der Industriegruppe in der Verpackung tätig. Das fand ich am Anfang gut, aber irgendwann wurde es mir zu eintönig. Ich wollte auch schon immer ein Büromensch werden. Immer das Gleiche machen ist nicht gut. Es gab auch Tage, an denen ich nichts zu tun hatte. Weil ich nicht sehen kann, konnte ich viele Dinge nicht mitmachen, zum Beispiel die Spiele. Hier ist das etwas ganz anderes.
Florian Lintz: Ich habe auf dem ersten Arbeitsmarkt gearbeitet, dort habe ich aber eine ungute Erfahrung gemacht. Dann bin ich nach Köln gezogen, habe mich hier zuerst für die Werkstatt, also für den geschützten Rahmen entschieden. Ich hatte von der Werkstatt aus einen Außenarbeitsplatz bei der Universität zu Köln. Das war eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, gleichwohl wollte ich aber einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt haben und dementsprechend verdienen. Als ich die Ausschreibung zur Bildungsfachkraft gesehen habe, dachte ich, das ist vielleicht die Chance meines Lebens, weil als Mensch mit Handicap ist man ja vielmehr auf Zufälle angewiesen oder auf solche Projekte. Also habe ich mein Glück versucht und darf jetzt das Team ergänzen.
Fabian Hesterberg: Ich habe vor dieser Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung gearbeitet. In der IT-Abteilung, in der ich gearbeitet habe, wurde es dann für mich auch sehr eintönig. Bereits im Eingangsverfahren habe ich gesagt, dass ich nicht mein Leben lang in einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten möchte, weil ich aus meiner Sicht einfach zu fit im Kopf bin und mich weiterhin fortbilden möchte. Deshalb habe ich mich auf die Stelle als Bildungsfachkraft beworben und darf heute die ganze Gruppe mit meinem Expertenwissen unterstützen.
Haben Sie unterschiedliche Schwerpunkte bei der Arbeit? Behandeln Sie verschiedene Themen?
Jenny Cöllen: Ja, jeder von uns hat verschiedene Schwerpunkte und wir arbeiten in verschiedenen Teams zusammen. Je nach Anfrage und Thema werden die Teams zusammengestellt, die dann zum Beispiel ein Seminar, eine Schulung oder eine Vorlesung vorbereiten.
Florian Lintz: Was ich sehr cool finde an dieser Arbeit, ist, dass man sich entwickeln und einbringen kann. Wir haben jetzt ein Seminar ins Leben gerufen, das heißt „(k)ein Spaziergang ?!“ Da geht es darum, in der Kölner Südstadt gemeinsam mit den Studierenden beispielsweise Barrieren zu erkennen und Ideen für die Behebung dieser zu entwickeln. Wir schauen mit Studierenden: Welche Menschen sind in der Südstadt? Wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus? Welche Menschen leben hier, wen trifft man hier nicht? Mit den Studierenden schauen wir uns dann verschiedene Stadtteile in Köln an, zum Beispiel Chorweiler, und vergleichen. Man schaut, ob nicht gewisse Gruppen systematisch ausgegrenzt werden. Oft ist es so, dass Menschen mit geringem Einkommen in Stadtteilen wohnen, die eine sehr hohe Kriminalitätsrate haben oder eine schwache Infrastruktur.
Luca Prachthäuser: Ich finde das richtig gut, dass ich immer Seminare gebe und ich gebe meistens das Seminar mit Amandj, wie man die Südstadt in der Zukunft barrierefreier machen kann.
Amandj Hosseyni: Mein Kollege Luca Prachthäuser und ich machen auch Veranstaltungen zum Thema Hilfsmittel und Teilhabe. Ich zeige zum Beispiel, wie ich mit dem Blindenstock und dem Blinden-Laptop umgehe und Luca zeigt den Umgang mit seinem Talker. Das macht uns viel Spaß und bringt den Leuten auch etwas.
Jenny Cöllen: Wir machen auch Dienstreisen zu Fachtagen und Kongressen, um unsere Arbeit vorzustellen. Kürzlich waren wir bei einem Kongress der UN in Wien, bei dem 80 Nationen vertreten waren. Dort haben wir wir zusammen mit den Kolleg:innen von anderen Hochschulen in Deutschland unsere Arbeit als Bildungsfachkräfte vorgestellt. Unser Beitrag wurde direkt in andere Sprachen übersetzt. Es kamen auch spontane Fragen, auf die wir gut antworten konnten, so dass die Teilnehmenden ziemlich viel mitnehmen konnten. Wir waren auch schon beim Betreuungsgerichtstag und bei anderen Tagungen.
Fabian Hesterberg: Wir werden auch zu verschiedenen Themen von Professoren angefragt, um dann mit ihnen gemeinsam eine partizipative Forschung durchzuführen. Wir bringen dann als Expert:innen in eigener Sache unser Wissen ein. Ich wurde beispielsweise vor zwei Jahren zu einem Projekt hinzugerufen. In diesem Projekt wurde ein inklusives Labor entwickelt, wo Menschen mit Beeinträchtigung anhand eines Escape-Games die Smart-Home-Technik kennenlernen können. Das bedeutet, ich gehe in die verschiedenen Einrichtungen, stelle diesen Koffer vor, und die Klienten dürfen dann einmal das Escape-Game durchführen und lernen dadurch die Smart-Home-Technik kennen. Im zweiten Schritt können sie dann überlegen, was sie in ihrem Umfeld bzw. in ihrer Einrichtung verändern möchten.
Wie weit können Sie bei der TH mitbestimmen? Wo würden Sie gerne mehr mitbestimmen?
Florian Lintz: Wir können sehr weitreichend mitbestimmen, weil wir in verschiedenen Gremien sitzen. Wir kooperieren mit der Fachschaft und sind auch im Fakultätsrat vertreten. Wenn neue Personen eingestellt werden, Feste geplant werden oder Ähnliches, haben wir einen sehr großen Handlungsspielraum, um mitzubestimmen und uns einzubringen. Wir haben auch einige Formate für die TH selbst entwickelt, wie zum Beispiel die Werkstattpause oder Beratungsangebote.
Luca Prachthäuser: Wir bringen an die TH auch noch mehr Inklusion und das macht uns richtig glücklich.
Wie erleben Sie Zusammenarbeit mit den Studierenden?
Florian Lintz: Die Zusammenarbeit ist durchweg gut. Allerdings sind die Studierenden bei den ersten zwei Sitzungen immer noch etwas unsicher. Weil es ja durchaus etwas anderes ist, wenn drei bis fünf Dozierende mit Beeinträchtigung vor einer Gruppe vor Studierenden stehen, als wenn eine/e Professor:in da sitzt. Am Anfang merkt man noch Berührungsängste, aber im Lauf der Seminarreihe fallen diese Hemmschwellen. Man arbeitet zusammen teamzentriert und inhaltsbezogen und es ist nicht mehr wichtig, wer welche Beeinträchtigung hat.
Luca Prachthäuser: Ich finde die Zusammenarbeit mit den Studierenden meistens richtig gut, aber die nehmen meistens so schwere Sprache, dass ich dann nicht mehr mitkomme. Ich wünsche mir zwischendurch, dass die Studierenden mehr einfache Sprache nehmen.
Amandj Hosseyni: Da ist es auch manchmal für mich schwer zu folgen und ich sage dann, verwendet bitte Leichte Sprache. Das sage ich auch immer in den Diskussionsregeln am Anfang eines Seminars.
Die politischen Selbstvertreter:innen Dinah Köppen und Dietrich Mensah führten das Interview. (Foto: Dörthe Boxberg)
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Dozierenden?
Florian Lintz: Ich empfinde die Zusammenarbeit als sehr gut und für mich immer auf Augenhöhe, weil wir zu verschiedenen Themen angefragt werden, bei denen wir uns auskennen. Die Dozierenden bemühen sich, alles in einfacher Sprache zu erklären. Sie sind immer ansprechbar und sagen, was sie von uns möchten. Also die schicken uns nicht einen Haufen Folien und sagen, arbeitet das durch. Da werden persönliche Termine vereinbart im Büro. Da werden wir echt an die Hand genommen und nicht allein gelassen.
Welche Barrieren erleben Sie noch in Ihrer Arbeit?
Fabian Hesterberg: Wir haben schon bei gewissen Themen noch Barrieren. Wenn wir mit einem neuen Seminarthema anfangen oder mit einem neuen Dozenten arbeiten, müssen wir uns erstmal einspielen. Wir müssen deren Arbeitsweise kennenlernen und die unsere, um dann einen guten Mittelweg für die Zusammenarbeit zu finden.
Jenny Cöllen: Manchmal müssen wir unser pädagogisches Leitungsteam bitten, uns zu helfen, wenn wir uns in neue Themen einarbeiten müssen. Mir fällt da zum Beispiel eine sprachwissenschaftliche Forschungsarbeit zum Unterschied zwischen einfacher und Leichter Sprache ein. Dann muss man einen Mittelweg finden, zum Beispiel nur die Kurzanleitung lesen oder jemanden um Hilfe bitten.
Luca Prachthäuser: ich finde, dass die Dozenten immer schwere Sprache nehmen. Dann verstehe ich das nur schwer, was die von mir möchten.
Was haben Sie als Bildungsfachkräfte erreicht bzw. hat sich die Inklusion an der TH verbessert, seit es Bildungsfachkräfte gibt?
Jenny Cöllen: Teilweise schon. Aber es gibt auch viele Sachen, die sich noch immer nicht verbessert haben. Zum Beispiel gibt es hier im Foyer einen Lifter, der ständig kaputt ist. Luca und Fabian können den gar nicht benutzen, weil der Schlüssel für den Lifter immer im Büro vom Pförtner ist und da kommt man allein nicht rein. Deshalb müssen die beiden immer durch den Innenhof kommen, weil der Haupteingang nicht barrierefrei ist. Der Lifter auf der Zwischenetage funktioniert auch nicht. Die Lösung ist dann andere Räume zu nehmen, die barrierefrei sind.
Fabian Hesterberg: Das Thema Inklusion ist in vollem Gange an der Fakultät 01 (Anm.d.Red. Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften). Es gibt noch Luft nach oben, aber wir sind in einem guten Arbeitsprozess mit den Kolleg:innen, alles so barrierefrei wie möglich zu gestalten. Das gelingt nicht immer gleich gut. Wir haben zum Beispiel wenig Einfluss auf die Raumbuchungen und müssen dann
schauen, wie wir den Raum, den wir vorfinden, so barrierefrei wie möglich einrichten. Es ist ein langer Prozess, bis wir niemanden mehr darauf hinweisen müssen, dass es inklusiv sein muss.
Was möchten Sie in der Gesellschaft bewirken, besonders wenn es um die Möglichkeiten der Mitbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten geht?
Florian Lintz: Dass diese vermeintliche Randgruppe (Menschen mit Beeinträchtigung) mehr in den Fokus
gerückt und gesehen wird. Dass ein Verständnis dafür entsteht, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht nur hilfebedürftig sind, sondern mit ihrem Fach- und Erfahrungswissen eine Bereicherung für die Gesellschaft sein können. Also die Sichtweise zu vermitteln, dass der Mensch erstmal ein Mensch ist, unabhängig von seiner Diagnose oder seinem Krankheitsbild.
Luca Prachthäuser: Ich wünsche mir einfach von unserer Gesellschaft, dass man Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, hilft, wenn diese Hilfe brauchen. Zum Beispiel in den Straßenbahnen. Manche sehen, dass wir Hilfe brauchen, aber sie ignorieren uns. Das ist nicht schön.
Amandj Hosseyni: Ich wünsche mir auch, dass alle so wahrgenommen und akzeptiert werden, wie sie sind. Jeder denkt anders, arbeitet anders und ist auch anderes.
Jenny Cöllen: Ich wünsche mir, dass es normal ist, verschieden zu sein. Egal, ob man eine Beeinträchtigung hat, aus einem anderen Land kommt, oder welches Geschlecht man liebt. Das ist alles Inklusion. Ich wünsche mir eine inklusive Gesellschaft für alle Menschen auf der Welt.


